Der illegale Typ3 Vari…

Ich kam zu dem 1973er Vari, den ich einmal gefahren habe, wie die Jungfrau zum Kind. Merke: Keine inserierten Fahrzeuge ansehen, wenn man kein neues Auto braucht. In meiner Gegend gab es kaum noch Typ3, als in der Samstagausgabe der regionalen Zeitung folgende Anzeige erschien:

Kleinanzeige Typ 3 Variant VW

Ich hatte Zeit, mal nen anderen Typ3 ansehen, als meinen, der inzwischen abgemeldet in der Garage steht – warum nicht? Also fuhr ich zur Besichtigung. Und da stand er vor mir – Langschnautzer Variant mit TÜV, aber so einigen Unstimmigkeiten.

VW 1600 Variant Typ 3 1973

Tiefer gelegt (geht bei dem Auto durch Verdrehen der Drehstäbe), etwas Rost und ein Schiebedach, das irgendwie nicht dazu passen wollte. Das Schiebedach stammte aus einer Limo und wurde nachträglich eingeschweißt. Beispachteln? Papperlapapp. Wenn man das mattschwarz beilackiert, fällt es nicht ganz so auf.

Schiebedach VW Typ3

Aber der Wagen lenkte, fuhr, bremste… Ich hatte einen Alltagswagen – was will ich mit dem Teil? Ich sagte dem Verkäufer, daß ich den Wagen nicht wolle, er konterte, bei welchem Preis ich ihn haben wollen würde. STOPP! ALARMSIGNAL! Wenn man kein Auto kaufen will, an diesem Punkt NIX sagen. Wirklich GARNIX. Ich sagte 800,- DM – knapp über die Hälfte des geforderten Preises und ich hatte ein Auto gekauft. Verdammte Scheiße. Aber: Der Wagen war cool. 1.000x cooler als der Pappsatt, der spontan abgemeldet wurde und der Vari wurde mein neues Alltagsgefährt. Ich nahm Kontakt zum Vor-Vorbesitzer auf, der das Schiebedach eingeschweißt hatte. Einfach mal so aus Interesse. Er erklärte mir, warum er das getan hatte. Auf den Wagen war mal eine Dachlawine runtergegangen und das Dach war Matsch. Und da stand nur eine Limo mit SSD zum Schlachten rum.

Dachschaden

Nächster Fehler beim Kauf: Probefahrten nicht nur in der Stadt machen, sondern auch mal auf die Landstraße fahren. Das Fahrwerk war unter aller Sau. Ab 80km/h fing der Wagen an, unbeherrschbar zu werden. Aha! Deshalb der Preis – ich hätte weniger bieten sollen. Ich tippte darauf, daß das durch die Tieferlegung kam. Also fuhr ich zu einem Reifenhändler mit Pauschalpreis fürs Spureinstellen. Was haben die gekotzt, sowas hatten die lang nicht mehr auf der Bühne. Wo stellt man da etwas ein? Ich hatte vorsichtshalber die Buchelli Reparaturanleitung dabei. Sie haben es geschafft und siehe da – ich konnte schnell fahren! Und laut! Der Auspuff war durch. Ich weiß gar nicht mehr 100%, woher ich den Auspuff besorgte – entweder vom geilsten Schrottplatz, den es damals gab (über den werde ich in „damals“ noch berichten), oder von dem Schlachter, den ich zusammen mit einem Kumpel ausgeweidet hatte. BTW: Auspuff wechseln bei dem Karren ist eine Qual! Was eine Scheiße… Der Wagen war eigentlich mal als Winterauto hergerichtet worden, deshalb paßte nicht alles zusammen. Der Handschuhfachdeckel war z.B. orange. Ich hab Türverkleidungen und Handschuhfachdeckel einfach mit bunt gemustertem Stoff beklebt (Sprühkleber).

VW 1600 Variant Typ 3

Die Sitze waren aus irgendeinem anderen Fahrzeug. Ich weiß bis heute nicht als welchem.

Sitze VW Typ 3

Ist ja auch egal, sie waren bequem und sahen akzeptabel aus. So fuhr ich dann mit dem coolen Kombi durch die Weltgeschichte. Ab und an setzte ich auch auf, er war eigentlich etwas zu tief. Als ich Winterreifen montierte, die ich von irgendeinem Schlachter hatte und voll einschlug, wackelten die Kotflügel.

Tieferlegung VW Typ 3

Eingetragen war das nicht – hätte wohl auch kein TÜV. Hat die Rennleitung aber nie gestört. Kontrolliert wurde ich nie damit. Ich besuchte ein paar Treffen damit, fuhr täglich zu meinem damaligen Aushilfsjobs – er stand in der Tradition des Käfers. Er lief und lief und lief, … Bis zu der größten Mördertour, auf die ich gestartet war. Ich war auf einem Typ 3 Treffen hinter Berlin, fuhr von dort aus nach Limburg, um eine Bekannte zu besuchen und von da nach Mainz, um mich bei der FH fürs Studium einzuschreiben. Auf der letzten Teilstrecke fuhr ich Knapp über Dauerfeuer. Alles was geht. Die Karre soff wie ein Loch und irgendwie bremste sie bei der Ankunft nicht mehr so gut, wie vorher. Nach dem Einschreiben fuhr ich zu einer Werkstatt. Diagnose: HBZ im Arsch. Ersatz? Fehlanzeige. Hmmm, bremsen tut er ja noch. Aber nur vorne. Er schob über die Vorderachse. Mit ein paarmal Pumpen auch hinten. Wenn man piano fährt… Oh monoman, is man doof, wenn man jung ist. Gefährliches Spiel. Heute denke ich, das muß nicht einmal der HBZ gewesen sein. Vielleicht war auch nur Luft im System. Die Heimfahrt nach Oberfranken (350km) ging gut, ab und an hat man einen Schutzengel. Nach der Fahrt roch das Öl nach Sprit und war verdammt dünnflüssig – ein sich ankündigender Motorschaden? Zeit den Wagen abzustoßen. Also reparierte ich den Wagen erst garnicht, sondern kaufte gleich den nächsten Wagen von einem Arbeitskollegen: Einen Dacia Bj. 1974.

VW Variant, Dacia 1300

Den Vari inserierte ich in der VW Scene – jeden Monat neu. Aber haben wollte den irgendwie keiner. Ich begann zu studieren und nahm den Wagen einige Monate später mit nach Mainz, um ihn von da abstoßen zu können. Der Wagen hatte wirklich ne gute Substanz – ich konnte ehrlich gesagt nicht verstehen, warum ihn keiner wollte Heute würde ich ihn sicherlich nicht mehr hergeben, sondern etwas Lustiges draus bauen. Irgendwann meldete sich jemand. Er hätte da ebenfalls ein Auto, das keiner wolle: Einen 82er Mexicokäfer mit 1,5 Jahren TÜV. Da lebte der Dacia schon nicht mehr. Er würde den Variant gegen den Käfer tauschen, wenn ich ein wenig draufzahle. Überführungskosten würde er sich mit mir teilen. Warum nicht? Ich brauchte gerade ein Auto und Käfer ist auch cool. Also machte ich mich mit einem Freund auf nach Mühlheim an der Ruhr. Bremsen bremsten weiterhin nur vorne. Wir einigten uns auf ein Reisetempo von 80km/h. Bei dem Tempo sollten die Bremsen ausreichen. Und wie es so kommt, wurden wir von zwei hübschen Mädels überholt, die den Junx in dem lustigen Wagen zuwinkten. Ihr hättet auch Gas gegeben, wenn Ihr in der Situation gewesen wärt, oder? Ein paar Kilometer schnell gefahren, man kommt um die Ecke und da steht der Verkehr. Stau. Ich weiß bis heute nicht, warum ich richtig reagiert habe gegen den menschlichen Instinkt. Ich stand auf der Bremse, fühlte, das mein Arsch in der Luft hing, es roch nach Gummi, aber die Vollbremsung hätte nie gereicht, der Einschlag in den Vordermann war vorprogrammiert. Kurz vor dem Einschlag ging ich vor der Bremse, lenkte auf den Standstreifen und brachte da den Wagen zum Stehen. Adrenalin pur, das Herz schlug wie verrückt, die Hände zitterten. Fahrer und Beifahrer starrten stumpf nach vorne. Eine gefühlte halbe Stunde lang, was in der Realität wahrscheinlich nur wenige Minuten waren. So lange, bis mein Beifahrer die erlösenden Worte sprach: „Geil reagiert!“ Den Rest der Strecke fuhren wir dann wieder nur 80km/h. Der Tausch klappte, ich war die Karre los. Was aus ihr geworden ist – ich weiß es nicht…

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6 thoughts on “Der illegale Typ3 Vari…

  1. Coole Story…?! Völlig egoistisches, dummes Verhalten würde ich sagen. Hat so jemand den Führerschein zu Recht?

    Vor 13 Jahren ist uns so einer – mit wissentlich kaputter Bremse – im Stau hinten draufgeknallt, meine Frau saß hinten beim Baby und sie hat es nicht überlebt. Die heile Familie war damit zerstört.

    Der Typ kam zu Recht in den Knast!

    Ravorsky.

  2. Ja, das war dumm und SEHR unverantwortlich. Sehe ich heute genauso. Er hat gebremst, aber nicht 100% – sehr sehr doofe Idee, so auf die Pistte zu fahren! Kinder NICHT nachmachen!
    Wäre damals etwas passiert – ich hätte vermutlich bis heute damit zu kämpfen…

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