Das ruhmreiche Ende eines Chromsciroccos

Im Urlaub lernte ich so ein paar durchgeknallte Typen kennen. Hach, die hatten wirklich derbe einen anner Klatsche – und ich sehe das positiv. In dem Urlaub sagten sie, daß sie ein Kiesgrubenrennen planen und luden mich ein, mitzufahren. In der Zeit danach konkretisierten sich die Pläne. Ja, es findet statt. Und eigentlich gab es Regeln für die Fahrzeuge: Kein Glas, Überrollbügel. Also besorgte ich mir ein Fahrzeug. Die Wahl fiel auf einen 1975er Scirocco, den mein Garagennachbar über hatte. Nicht gerade übermotorisiert, es war nur ein 1300er.
Heute würde man sagen: Scheiße, KLE, das kannste nicht bringen! Ein Chrom-Scirocco! Immer schön Ball flachhalten. Das Teil hatte nen Heckschaden, das Blech war tot. 1992 wäre keiner nur ansatzweise auf die Idee gekommen, da noch eine müde Mark reinzustecken. Die Karre wäre auch ohne meine Aktion in die Presse geflogen.
Also richtete ich die Karre nach dem Reglement her. Ich hatte ja ne Doppelgarage in ner ollen Fabrik. Ein Teil der Fabrik war renoviert, der andere Teil halb verfallen. Im zerstörten Teil ging ich ans Materialsuchen und fand Rohre für den Überrollbügel und ein Gitter als Windschutzscheibenersatz. Also fing ich an, den Wagen aufzubauen. Ich habe leider nur Bilder vom Endergebnis.

VW Scirocco 1 1975 Stockcar

Ob mein selbstgeschweißter Überrollbügel bei einem Überschlag etwas gebracht hätte? Ich weiß es nicht, glücklicherweise mußte ich es nicht testen.

Selbstgeschweißter Überrollbügel

Natürlich bekam der Wagen etwas Kriegsbemalung.

Grafitty KLE

Für besseren Sound warf ich den Luftfilter weg und montierte ein Rohr mit Fliegengitter obendrauf. Und weil das zu hoch war, kam einfach ein Loch in die Haube.

Offener Ansaugtrichter

Einen gewissen Style hatte der Wagen – waren noch 2 Probleme: Der Kühler fehlte, den bekam ich vom Fahrzeugspender und der Tank war durchgerostet. Extra einen Tank besorgen und einbauen? Für nur ne kurze Zeit Spaß? Ach was! Da gibt?s sicher ne billigere Lösung, die schnell realisiert werden kann. Meine Lösung – hmmm, wie drücke ich das jetzt aus? – entsprach nicht unbedingt den Motorsportreglements. Ein Waschmittelkanister, ein paar Löcher in den Unterboden, mit Schnüren festgebunden und ein langer Benzinschlauch zur Benzinpumpe, fertig!

improvisierter Benzintank

Test – ja, der Motor lief. Gut, also ab zum Rennen!

Stockcar

Ich war etwas erstaunt, als ich da ankam. Ich war der einzige, der sein Auto hergerichtet hatte. Die anderen zwei kamen auf eigener Achse zum Rennen. Es gab nur 2 Gegner: Einen Opel Kadett C mit 55 PS und einen VW Golf 1 GTI mit 110 PS. Der GTI war eigentlich TÜV fertig, aber der Fahrer hatte Bock auf das Rennen und opferte mal kurzerhand den Bock dafür.

Startaufstellung Stockcar Rennen

Das Ganze fand in einer Kiesgrube statt. Regeln waren recht einfach: Es gab eine feste Strecke, wer 20 Runden am schnellsten schafft, wird in den Baggersee geworfen. Oder war es der langsamste? Egal, denn wir haben uns eh an keinerlei Regeln gehalten.

Das Rennen war einfach herrlich. Wir fuhren auf Geschwindigkeit, nicht darum, den anderen zu drehen etc. – aber wie schon erwähnt: Regeln waren unwichtig. Etwas nervig waren die Steine, die von den Vorderrädern aufgewirbelt wurden und durch die Löcher im Unterboden durch den Innenraum flogen. Traktion auf dem Kies gab es wenig, der 2. Gang war unser Freund. Wir waren nicht wirklich schnell.

Kampfszenen in der Kiesgrube

In einer Kurve schob mich der Kadett auf einen Kieshügel, alle 4 Räder in der Luft. Nix ging mehr, das war wie ne Schildkröte auf dem Rücken. Die Zuschauer schoben mich von dem Hügel, die komplette Auspufflage blieb liegen. Soundtechnisch näherte ich mich immer weiter der Formel 1 :.

Die total überalterten Pneus hielten die Belastung nicht aus, irgendwann hatte ich 2 Platten. Egal – von so Kleinigkeiten lassen wir uns doch nicht bremsen! Als sich dann tatsächlich einer der Reifen von der Felche trennte und das noch auf der Antriebsachse, wurde es aber grenzwertig. Solange ich Schwung hatte, fuhr das Fahrzeuch noch, aber irgendwann vergrub sich die Felche im Kies. Spätestens da wurde die 20 Runden Regelung ad Acta gelegt. Ich hatte vorsorglich 2 Ersatzräder dabei, die kamen nun zum Einsatz. Die anderen waren so nett, mir bei jeder Runde den betreffenden Kotflügel so einzudrücken, daß man frei schaffen konnte.

Kiesgrubenrennen

Weiter ging?s mit 2 Winterrädern vom Pappsatt.

Freigestelltes Rad am Scirocco

Wer von uns am schnellsten war weiß ich nicht mehr – ehrlich gesagt, das interessiert kein Schwein. Aber der GTI war nicht wesentlich schneller trotz doppelter Leistung. Auch er hatte kaum Traktion.

Stockcarrennen Kiesgrube

Ohne es wirklich auszumachen war inzwischen die einzige Regel: Fahren, bis nix mehr geht. Der GTI war der erste, der verreckte. Ihm riß eine Antriebswelle ab. Ende Gelände. Mein Scirosto war das zweite Opfer. Mir verreckte der Kühler und der Motor überhitzte, verlor immer mehr Leistung. Kein Grund für einen Boxenstopp – einfach weiter, solange er läuft. Irgendwann lief er nicht mehr – er ist einfach kläglich vor die Hunde gegangen.

Der Kadett starb nicht viel später. Wir waren so heiß auf das Rennen, daß wir uns noch mehrmals anschleppen lassen haben – Batterien in den Autos waren auch alle platt.

Auto anschleppen

Keine Ahnung, welchen Tod der Kadett starb – wichtig war nur daß er starb. Zeit für eine abschließende Siegerpose der Fahrer und das erste, wirklich verdiente Bier.

Siegerpose

Das Bier war noch nicht leer, dann kam auch schon der Grund für die Startgebühr von 50,-DM – das waren die Entsorgungskosten für die Karren. Und so wanderten der Scirosto…

VW Scirocco 1 Schrottlaster

… der Kadett …

Opel Kadett C Schrottlaster

… und der Golf auf den Schrottlaster.

VW Golf 1 GTI Schrottlaster

Klappe zu, Affe tot.

Beladener Schrottlaster

Eigentlich sollte das Rennen ab da jedes Jahr stattfinden, es blieb aber bei dem einen meines Wissens nach. Schade eigentlich, denn bei einer Wiederholung wären wohl deutlich mehr Fahrzeuge dabei gewesen. Hatten viele der Zuschauer uns vorab als total bescheuert beschimpft, so waren viele danach Feuer und Flamme. Das wollten die dann auch mal mitmachen, nachdem sie gesehen hatte, was für ein Spaß das war…

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2 thoughts on “Das ruhmreiche Ende eines Chromsciroccos

  1. Hi KLE, amüsiere mich schon die ganze Zeit über Deine „Vergangenheitsbewältigung“ in der lappenlosen Zeit. Dieser Bericht gibt für mich einen herrlichen Zeitgeist wieder. Vor allen Dingen die pragmatische Aufräumlösung. Für mich fast so kultig wie die Serie „Irgendwie und Sowieso“ die 1986 erstmalig im Bayerischen Fernsehen lief und bis letztes Jahr mehrfach wiederholt wurde. Happy Hippo

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